Die kleinen Kinderstiefel knirschten im Schnee. Es war Heiligabend, später Nachmittag, und die Kälte kroch scharf durch die Ärmel, während der Atem kleine Wolken in die Dämmerung malte. Es roch nach Rauch aus Kaminen und nach Tannengrün. Der Himmel leuchtete rot – das Christkind backte Lebkuchen, sagte man uns. Über allem lag dieses gedämpfte, feierliche Schweigen des Winters.

Wir waren auf dem Weg zur Kinderchristmette. Die roten Nasen und klammen Finger in den Handschuhen, das leise Wispern der Erwachsenen hinter uns. Und dieses Gefühl, dass etwas Großes bevorsteht, ohne dass man sagen könnte, was genau. Eine Ahnung von Fülle und Erfüllung. Von etwas, das größer ist als alles Sagbare.

Schon am frühen Nachmittag waren wir bei der Großmutter gewesen. Die viel zu warme Stube gepaart mit dem Duft von Kaffee und Lebkuchen. Die Stimmen der Erwachsenen am Tisch summten wie aus der Ferne.

Und diese abgeschlossene Tür.

Hinter ihr: Weihnachten. Von innen war das Schlüsselloch mit einem Taschentuch abgehangen. Natürlich versuchten wir trotzdem, etwas zu sehen. Mit Stricknadeln oder Haarnadeln, mit plattgedrückten Wangen am kalten Holz. Man sah nichts. Aber man wusste: Es gibt etwas zu sehen. Noch nicht. Aber bald.

Davor lagen schon die Wochen des Advents. Der Kalender mit den 24 kleinen Türen, die man nicht überspringen durfte, auch wenn man es noch so sehr wollte. Der Kranz mit den vier Kerzen, der die Zeit nicht beschleunigte, sondern erst recht sichtbar machte. Sonntag für Sonntag, Licht für Licht.

Was wir damals lernten, ohne es zu wissen: Dass Warten nicht bedeutet, dass etwas fehlt. Dass Erwartung keine Schwäche ist. Dass die Zeit zwischen dem Versprechen und seiner Einlösung nicht leer ist, sondern gehaltvoll.

Das „Noch-nicht“ gehörte zur Wirklichkeit wie das Jetzt.

Diese Erfahrung – dass die Zeit des Werdens zur Sache selbst gehört – ist keine Erfindung der Moderne. Sie liegt tief in der Geschichte, die unser Denken geprägt hat, ob wir es wissen oder nicht.

Die Geschichte beginnt mit Maria, einem jungen Mädchen in Nazareth. Ein Engel kommt. „Fürchte dich nicht.“ Sie erschrickt. Wer würde das nicht? Aber dann spricht sie ihr Ja. „Mir geschehe, wie du gesagt hast.“ Kein Zweifel, keine Bedingung. Nur dieses stille Sich-Öffnen für das Kommende.

Es folgen neun Monate. Neun Monate, in denen Maria etwas in sich trägt, von dem die Welt noch nichts weiß. Um sie herum geht das Leben weiter wie immer. Die Römer zählen ihre Provinzen, Herodes sichert seine Macht, die Pharisäer diskutieren über das Gesetz. Und in Nazareth trägt eine junge Frau ein Geheimnis unter dem Herzen.

Dann der Befehl zur Volkszählung. Die Reise nach Betlehem, die vergebliche Suche nach Herberge. Schließlich, am Rand der Welt, in einem Stall, wird ein Kind geboren. In einer Krippe, bei den Tieren. So unscheinbar, dass die Weltgeschichte beinahe daran vorbeigegangen wäre.

Draußen, auf den Feldern, erschrecken Hirten vor einem Licht. Menschen ohne Ansehen, denen niemand glaubt. Sie gehen los, mitten in der Nacht, finden das Kind im Stall.

Und in fernen Ländern sehen Weise einen Stern. Sie machen sich auf den Weg, folgen ihm bis nach Jerusalem. Dort fragen sie nach dem neugeborenen König. Herodes schickt sie nach Betlehem. „Geht und forscht genau nach dem Kind. Und wenn ihr es gefunden habt, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete.“

Die Weisen finden das Kind in einem Stall. Und dann – so heißt es – werden sie im Traum gewarnt, nicht zu Herodes zurückzukehren.

Also ändern sie ihren Weg. Nicht aus Heldenmut. Sondern weil sie begriffen haben, was auf dem Spiel steht. Sie kehren auf einem anderen Weg in ihr Land zurück. Berichten Herodes nicht, wo das Kind ist. Eine kleine Abweichung vom Gewohnten. Eine stille Entscheidung und die Geschichte nimmt einen anderen Verlauf.

Was sich hier zeigt: Das Entscheidende geschieht im Verborgenen. Das Neue kommt leise, beginnt klein und übersehbar. Und Veränderung entsteht nicht im Getöse der Gewissheiten, sondern im Raum des Werdens.

Unsere Gegenwart aber kennt diesen Raum kaum noch. Sie hat verlernt zu warten. Nicht im Sinne von Passivität, sondern im Sinne jenes aktiven Ausharrens, das dem Werden Zeit gibt. Stattdessen herrscht der Zwang zur sofortigen Eindeutigkeit. Jede politische Äußerung muss sofort zugeordnet werden: Ist das nun links oder rechts? Fortschrittlich oder rückständig? Gut oder böse? Die Zwischentöne verschwinden. Das Vorläufige ist längst verdächtig. Und wer nicht sofort Stellung bezieht, hat schon verloren.

Die Medien verstärken diesen Mechanismus. Jede Wahl wird zur Schicksalsfrage. Jede einzelne Entscheidung zum Point of no Return. Jede Debatte zur finalen Auseinandersetzung zwischen Demokratie und Autoritarismus. Der Diskurs gleicht einer Dauerkrise, in der jeder Tag das Ende von irgendetwas beschwört.

Was dabei verschwindet, ist nicht nur Gelassenheit. Es verschwindet die Wirklichkeit selbst.

Denn Wirklichkeit entsteht langsam. Sie ist widersprüchlich und tastend. Sie korrigiert sich während sie wächst. Sie braucht Zeit. Nicht weil sie ineffizient wäre, sondern weil Komplexität Zeit braucht. Weil Vertrauen Zeit braucht. Weil Menschen Zeit brauchen, um zu verstehen, was sich verändert. Politik, die sich diese Zeit nicht geben will, wird totalitär – auch wenn sie sich demokratisch gibt. Sie duldet keinen Zweifel mehr, kein Tasten und kein Reifen. Sie kennt nur noch Freund und Feind, richtig und falsch, jetzt oder nie.

Demokratie aber ist ihrem Wesen nach eine Ordnung der Geduld. Ein System des organisierten Wartens.

Denn demokratische Kultur entsteht nicht in der Entscheidung, sondern in der Zeit davor. In den Debatten, die Positionen klären. In den Kompromissen, die Vertrauen schaffen. In den Verfahren, die allen Zeit geben, sich an Neues zu gewöhnen. Politische Fragen lassen sich nicht nur durch ein Gesetz lösen. Sie brauchen Prozesse – langwierige, manchmal sogar frustrierende Prozesse. Sie brauchen Raum für das Tastende, das Vorläufige. Das Noch-nicht-Fertige.

Stattdessen erleben wir eine Kultur der Unbedingtheit, die diese Zeit nicht geben will.

Eine Unbedingtheit, die sich in der eigenen Meinung verschanzt wie in einer Festung. Die nicht mehr diskutiert, sondern verkündet. Die nicht mehr überzeugen will, sondern Recht haben muss. Und die jeden Kompromiss als Verrat betrachtet, weil sie längst vergessen hat, dass Demokratie die Kunst ist, mit Menschen zu leben, die anders denken.

Wer kompromissbereit ist, gilt als charakterschwach. Wer seine Position anpasst, hat sich verkauft. Wer die Argumente der Gegenseite ernst nimmt, ist schon auf deren Seite. Die reine Lehre duldet keine Abweichung. Und wer nicht hundertprozentig dabei ist, ist hundertprozentig dagegen.

Das Ergebnis ist eine Politik der starren Fronten. Eine Politik, die in ihren eigenen Ankündigungen gefangen ist. Jeder beharrt auf seinem Standpunkt, weil Nachgeben als Niederlage gilt. Jeder kämpft für seine Wahrheit, weil die andere per se falsch sein muss. Eine Politik, die lieber stur weitermarschiert als zuzugeben, dass der Weg vielleicht falsch war.

Und wenn dann doch jemand einen Kompromiss eingeht? Wenn jemand zugibt, dass ein Ansatz nicht funktioniert hat? Wenn jemand im Prozess lernt und seine Position korrigiert? Dann wird genau das zum Vorwurf. Dann heißt es: Unglaubwürdig. Wankelmütig. Ohne Rückgrat. Als wäre die Fähigkeit zu lernen eine Schwäche. Als müsste man an jeder Position bis zum bitteren Ende festhalten, nur um nicht als Umfaller zu gelten.

Aber Wirklichkeit ist komplex. Sie ist widersprüchlich, unübersichtlich und voller Menschen, die alle ihre eigenen guten Gründe haben. Demokratie ist der Versuch, mit dieser Komplexität zu leben. Sie verlangt nicht Perfektion, sondern die Bereitschaft, Fehler zu korrigieren. Nicht die reine Lehre, sondern das mühsame Ringen um tragfähige Lösungen.

Hier liegt die große Herausforderung für die Parteien. Sie müssen endlich lernen, in eine Welt zu kommunizieren, die Langsamkeit nicht mehr erträgt – auch wenn die Demokratie sie notwendig macht. Sie müssen das Werden sichtbar machen, ohne es zu beschleunigen. Sie müssen das Vorläufige erklären, ohne es als Schwäche darzustellen. Sie müssen Vertrauen schaffen in Prozesse, die noch nicht abgeschlossen sind.

Anders war das damals, in den kleinen Kinderstiefeln vor der Kirche. Die Glocken begannen zu läuten. Die Tür ging auf und die Welt fühlte sich für einen Moment entrückt an.

Aber dann hielt mein Vater plötzlich inne. Mal war es das Licht, das er zu Hause angelassen hatte. Mal die Frage, ob die Tür auch wirklich abgeschlossen sei. Ein andermal der Herd, von dem er nicht mehr sicher war, ob er ihn ausgeschaltet hatte. Jedes Jahr etwas anderes und jedes Jahr diese kleine Unterbrechung.

Er ging zurück.

Wir Kinder verstanden es nicht, lachten oder meckerten sogar. Mutter lächelte nur und sagte: „Lasst ihn gehen, er kommt nach.“ Damals erschien uns das nur als unnötige Vorsicht oder Marotte, über die man den Kopf schütteln konnte.

Irgendwann aber wusste man: Natürlich ging er zurück, um die Lichter am Baum anzuzünden und die Geschenke unter die Zweige zu legen. Um die Kerzen anzustecken und das Wohnzimmer zu verwandeln, das wir kurz zuvor noch ganz gewöhnlich verlassen hatten.

Und während wir in der Kirche saßen und „Stille Nacht“ sangen, während wir auf das Wunder warteten und glaubten, es läge noch vor uns – da war es längst im Geschehen. Wir wussten es nicht. Wir sahen es nicht. Wir ahnten es nicht einmal.

Bei der Großmutter war Weihnachten samt Bescherung hinter der verschlossenen Tür schon am Nachmittag fertig und vorbereitet für den nächsten Tag. Aber zu Hause, in unserem eigenen Haus, da geschah das Wunder, während wir fort waren.

Und als wir nach der Christmette heimkamen – die Lieder noch im Ohr und die Kälte noch in den Gliedern – stand die Tür zum Wohnzimmer offen. Licht strömte heraus. Der Baum leuchtete und die Geschenke lagen da. Alles war verwandelt.

Wir Kinder glaubten wirklich: Das Christkind war da.

Aber es war kein Wunder. Es war Arbeit im Verborgenen. Vater hatte Kerzen angezündet, Geschenke hingelegt, Schokolade und Kekse vorbereitet.

Was im Kleinen galt, gilt vielleicht auch im Großen. Vielleicht ist längst etwas im Werden. Vielleicht sehen wir es nur nicht. Nicht weil es verborgen würde. Sondern weil wir nur das wahrnehmen wollen, was sofort ein Ergebnis ist. Was sich eindeutig bewerten lässt. Was fertig ist.

Vielleicht fehlt uns die Bereitschaft zu sehen, was auch werden kann. So wie damals die Weisen aus dem Morgenland. Sie sahen nur ein Kind im Stall. Nichts Fertiges. Nur eine Verheißung. Und sie trafen deswegen die Entscheidung, einen anderen Weg zu gehen, nicht zurück zu Herodes. Der Lauf der Geschichte nahm eine andere Wendung. Nicht durch das, was schon war. Sondern durch das, was werden könnte.

Vielleicht ist es ein Advent, den wir als Gesellschaft brauchen können. Hinschauen auf das Werdende. Aushalten, dass man nicht sofort weiß, wohin es führt. Zeit geben. Und manchmal, Politik einen anderen Weg gehen lassen als den jeweils erwarteten.

Und dann, eines Tages, steht vielleicht die Tür offen. Das Licht brennt. Der Baum leuchtet und die Geschenke liegen da. Alles ist verwandelt.

Es war die ganze Zeit im Werden. Wir haben es nur nicht gesehen.


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Wir wünschen Ihnen gesegnete Weihnachten.

Das Team von MittePunkt