Es gibt Jahre, in denen Politik vor sich hinplätschert. Termine, Talkshows, Tageslagen – und am Ende bleibt alles im Rahmen der vertrauten bundesrepublikanischen Gemütlichkeit. Und es gibt Jahre, in denen sich die Weltordnung verschiebt, ohne dass man dafür eine dramatische Überschrift bräuchte – weil die Verschiebung selbst die Überschrift ist. 2026 wird ein solches Jahr.
Denn der transatlantische Westen, wie wir ihn kannten, ist nicht mehr der sichere Hintergrund, vor dem europäische Politik seit Jahrzehnten stattfand. Er ist zum Gegenstand geworden. Die USA haben – schriftlich und programmatisch, mit dem Pathos eines neuen Selbstverständnisses – klargemacht, dass sie nicht länger „Atlas“ sein wollen, der die Ordnung trägt. „The days of the United States propping up the entire world order like Atlas are over“, heißt es in der neuen National Security Strategy. Das ist kein beiläufiger Satz, sondern eine tektonische Ansage. Und wer so formuliert, will nicht nur mehr Lastenteilung – er kündigt einen mentalen Vertrag auf: die stillschweigende Garantie, dass Europa sich am Ende nicht selbst tragen muss.
Herfried Münkler hat diesen Wandel jüngst eindrucksvoll zugespitzt: Der transatlantische Westen sei ein Auslaufmodell; die Europäer hätten zu lange verdrängt, dass die amerikanische Sicherheitsgarantie nicht einfach „zurückkehrt“, nur weil man sie nostalgisch vermisst. Genau darin liegt der Ernst der Lage: Nicht nur Russland und China fordern Europa heraus. Zugleich gilt: Die amerikanische Freundschaft war keine Last, sondern ein historisches Glück und eine Grundlage unseres eigenen Aufstiegs. Doch diese Phase geht zu Ende – und damit endet auch die Möglichkeit, Verantwortung dauerhaft auszulagern.
In diesem Moment entscheidet sich, ob Europa politisch erwachsen wird oder strategisch zum Zuschauer schrumpft. Und hier kommt der Kanzler ins Spiel. Auf den Kanzler kommt es an, weil wir wieder in einer Zeit leben, in der Führung nicht aus Symbolen besteht, sondern aus Entscheidungen, Prioritäten und Zumutungen. Friedrich Merz kann – ob man das mag oder nicht – zum ersten deutschen Kanzler seit sehr langer Zeit werden, dessen Amtszeit sich nicht daran misst, wie geschickt er moderiert, sondern daran, ob er den Mut hat, das Land und Europa durch eine ordnungspolitische Zeitenwende zu führen.
Deutschland wird nicht „Leader of the free world“, weil es danach ruft, sondern weil die Ordnung der Welt neue Verantwortung verlangt. Die amerikanische Strategie formuliert den Vorrang des eigenen Interesses, das Ende globaler Dauerzuständigkeit und ein neues Verständnis von Bündnissen als funktionalem Lasten‑Netzwerk. Europa kann darauf mit Kränkung reagieren – oder mit Souveränität. Souverän antworten heißt, militärisch, industriell, technologisch und energiepolitisch eigenständiger zu werden – nicht im antiamerikanischen Reflex, sondern im europäischen Selbsterhalt.
Und erwachsen antworten heißt auch, dass Europa seine innere Architektur an die Realität anpassen muss. Wer heute noch so tut, als sei die EU eine homogene Integrationsmaschine mit einem einzigen Takt, hat entweder 20 Jahre verschlafen oder verwechselt Wunsch mit Möglichkeit. Wolfgang Schäuble hat – mit Karl Lamers – dieses Problem schon 1994 beschrieben: Ein integrationswilliger Kern, um den sich konzentrische Kreise legen, mit Durchlässigkeit nach innen, aber ohne Dauerblockade durch jene, die nicht weitergehen wollen. Das war nicht Romantik, das war Staatskunst: die Einsicht, dass Handlungsfähigkeit in großen Verbünden nur entsteht, wenn man Differenz zulässt, ohne Solidarität preiszugeben.
Heute, nach Brexit, Russlands Angriffkrieg in der Ukraine, Energie- und Migrationsschocks, ist dieses Modell nicht weniger aktuell, sondern zwingender. Eine partiell „ever closer union“, die sich auf originäre weltpolitische Handlungsfelder konzentriert: Verteidigung und Rüstungsproduktion ebenso wie Cyber, kritische Infrastruktur, strategische Technologie, Resilienz und ökonomische Macht.
Zugleich muss Europa aufhören, sich als Bürokratiemacht misszuverstehen und sich als Wirtschaftsmacht vollenden. Das erfordert die tatsächliche Verwirklichung des Binnenmarkts, den Abbau seiner inneren Schranken und die Schaffung eines integralen europäischen Kapitalmarkts. Genau das ist der europäische Realismus, den das Jahr 2026 verlangt. Und genau hier wird deutsche Führung noch sichtbarer werden müssen: nicht in Sonntagsreden über Europa, sondern in der Bereitschaft, europäische Handlungsfähigkeit gegen innenpolitische Bequemlichkeit durchzusetzen.
Die innere Verfassung der Republik
Nur: Wer außen führen will, muss innen aufhören, sich selbst zu zerlegen.
Die deutsche Parteienlandschaft wirkt noch immer, als würde sie in „normalen Zeiten“ spielen. Mit dem vertrauten Mimimi, dem reflexhaften Empören, dem permanenten Personalisieren, als sei Politik nicht längst ein permanenter Krisenmodus. Das ist nicht nur unerquicklich, es ist gefährlich. In einer Lage, in der sich die Sicherheitsordnung verschiebt und Europa sich neu bauen muss, braucht die demokratische Mitte einen substanziellen Kern: Grundentscheidungen, die nicht mehr täglich öffentlich angetastet werden, nur um den nächsten News-Cycle zu gewinnen. Dazu gehört: die strategische Westbindung Europas aus eigener Kraft; die Wehrhaftigkeit des Staates gegen äußere Einflussnahme; die Anerkennung, dass Migration Ordnung braucht; und die Gewissheit, dass demokratische Institutionen nicht dauerhaft delegitimiert werden dürfen. Ebenso wenig darf sich die demokratische Mitte gegenseitig ihre demokratische Grundorientierung absprechen. Auch nicht aus Koalitionsfrust.
Wer diesen Kern nicht schützt, liefert ihn jenen aus, die Politik als Abrissunternehmen zur Durchsetzung ihrer Doktrin begreifen.
Die SPD muss in diesem Kontext vor allem eines lernen: Maßstäbe aus der Vergangenheit sind keine Strategie. Sie ist eine 16,4-Prozent-Partei. Das ist kein Spott, das ist eine Standortbestimmung. Eine Partei, die sich innerlich noch als natürliche Volkspartei aufführt, produziert zwangsläufig Heilsversprechen, die wie Verwaltungslyrik klingen: gut gemeint, funktionärstauglich, aber gesellschaftlich ohne Resonanz. Die Welt, in der sozialdemokratische Erzählungen automatisch als Fortschritt galten, existiert nicht mehr. Wer in der Wirklichkeit von 2026 gehört werden will, muss wieder über Leistung, Ordnung, Sicherheit und soziale Mobilität in einer raueren Welt sprechen – nicht über die Verlängerung der moralischen Komfortzone.
Die Grünen wiederum müssen ihren Richtungsstreit endlich produktiv führen – nicht als Identitätsdrama, sondern als Klärung von Regierungshandwerk. Denn sie haben die sicherheitspolitischen Realitäten der Zeit grundsätzlich erkannt und Wehrhaftigkeit akzeptiert. Der Konflikt liegt woanders: in der Neigung, unvermeidliche Zielkonflikte moralisch zu überhöhen, statt sie politisch zu entscheiden und dann konsequent umzusetzen. Gerade dort, wo Klimapolitik gegen industrielle Skalierung, schnellere Genehmigungen, Rohstoffsicherung und eine resiliente Produktion abgewogen wird; wo Migration Ordnung, Durchsetzung und klare Verfahren braucht; und wo Verteidigungsfähigkeit weniger an Bekenntnissen scheitert als an Tempo, Beschaffung, Kapazitäten und Prioritäten. Wenn die Grünen diesen Schritt gehen, werden sie zur gestaltenden Kraft; wenn nicht, bleiben sie in der Rolle der inneren Anklage hängen – gegen die Wirklichkeit und am Ende gegen sich selbst.
Die CDU schließlich sollte sich einen Luxus abgewöhnen. Die selbstquälerische Nabelschau. Zu oft drehen sich ihre innerparteilichen Debatten um Selbstvergewisserung, Schuldzuweisungen und Lagerlogiken, statt um Klarheit der Linie und Führung in der Sache. Wo Orientierung gebraucht wird, herrscht zu häufig kommunikative Unschärfe und strategische Zurückhaltung.
Das permanente Suchen nach dem eigenen Versagen, nach dem „eigentlichen“ Gegner im Inneren, nach dem nächsten Kulturkampf, als wäre er die letzte Quelle politischer Energie, lähmt mehr, als dass es mobilisiert. Es braucht keinen Kulturkampf mehr. Die behauptete Hegemonie der linksgrünen Milieus ist längst gebrochen – nicht, weil irgendjemand triumphiert hätte, sondern weil die Realität sie zermahlen hat: Energie, Sicherheit, Migration, Industrie, geopolitischer Druck. Die CDU muss nicht mehr beweisen, dass sie „dagegen“ ist. Sie muss zeigen, dass sie führt.
Und sie muss aufhören, Koalitionsregierungen wie Prüfungen auf Absolutheit zu behandeln. Niemand braucht in einer Koalition die Pose des Alleinbesitzes der Wahrheit. Wer regiert, organisiert Kompromiss – nicht als Schwäche, sondern als Methode, unter Bedingungen pluraler Gesellschaft handlungsfähig zu bleiben. Sie muss sich sagen: Wir sind die CDU, mein Gott. Wir stehen für Verantwortung, Verlässlichkeit und Führung. Wir tragen den Staat, wir tragen Europa, wir tragen diese Koalition – und wir haben den Anspruch, das Land zu führen, nicht uns mit uns selbst zu beschäftigen.
Zur FDP: Wenn man ihr noch etwas wünschen will – dann, dass sie erkennt, ihr Heil nicht im Kampf gegen die CDU zu finden. Liberalismus wird nicht dadurch größer, dass er den eigenen natürlichen Partner zum Hauptgegner erklärt. Wer sich in einer Phase strategischer Umbrüche darauf spezialisiert, im Klein-Klein der Profilierung zu glänzen, endet als Fußnote des eigenen Egos.
Die Krise der Öffentlichkeit
Und dann sind da noch die Medien – oder genauer: die mediale Dauererregung, die sich selbst für Wirklichkeit hält. Es ist ein Symptom unserer Zeit, dass in der aufgeheizten Dauerberichterstattung inzwischen ernsthaft schon gefragt wird, ob Merz „nochmal Kanzlerkandidat“ wird – als Höhepunkt einer Kette überblasener Debatten, als sei das Land ein endloser Vorwahlkampf und Politik eine Serie mit Staffelfinale. Diese Fixierung auf Personal und Skandal ersetzt Analyse durch Affekt. Sie macht aus jeder Abweichung von der altbekannten bundesrepublikanischen Norm einen moralischen Ausnahmezustand – und produziert damit exakt jene Überhitzung, von der Populisten leben.
Was wir brauchen, ist eine mediale Öffentlichkeit, die ihr Sofa verlässt: raus aus Meinungskorridoren, rein in strategische Wirklichkeit. Russland führt Krieg nicht nur mit Panzern, sondern mit Zersetzung. China organisiert Macht nicht nur über Handel, sondern über Abhängigkeiten. Und die USA definieren ihre Rolle neu – nicht mit Blick auf europäische Befindlichkeiten, sondern auf amerikanische Interessen. Wer diese Lage ernst nimmt, muss sich fragen, wie es sein kann, dass Medien im Herbst 2025 wochenlang den „Stadtbild“-Satz des Kanzlers, seine Bemerkung zu Belém oder die absurde Debatte über „deutsches Brot“ als politisch skandalisierungswürdig aufblasen – und dies mit der gleichen Dringlichkeit, ja oft mit größerer Erregung behandeln als die tektonischen Verschiebungen der internationalen Ordnung. Das ist keine Zuspitzung, sondern ein Befund: Clickbait schlägt geopolitische Realität. Und so verschieben sich die Maßstäbe, bis Nebensächlichkeiten zu Weltkrisen und Weltkrisen zu Randnotizen werden. Genau dagegen richtet sich die eigentliche Anklage dieses Moments: Die Maßstäbe müssen wieder stimmen – in den Medien, in der Politik, in der Öffentlichkeit. Was ist wirklich groß? Was ist wirklich wichtig? Was ist strategisch irreversibel?
Führung in der Zeitenwende
Genau deshalb kommt es auf den Kanzler an. Nicht, weil ein Kanzler alles allein entscheidet, sondern weil in Deutschland strategische Führung im Kanzleramt zusammenläuft – und weil diese Zeit politisch keine Schonräume mehr kennt. Diese Führung bedeutet, Europa handlungsfähig zu machen, nicht durch Worte, sondern durch Strukturen, Mittel und Entscheidungen. Sie bedeutet, deutsche Finanz‑, Industrie‑ und Beschaffungspolitik konsequent auf europäische Verteidigungsfähigkeit auszurichten; Blockaden in Brüssel durch Koalitionen der Willigen zu überwinden; Prioritäten zu setzen, auch um den Preis höherer Schulden, höherer Rüstungsausgaben und schmerzhafter politischer Verschiebungen.
Gleichzeitig ist diese Führung im Inneren eine Koalitionsführung unter Dauerbelastung. Sie verlangt Moderation ohne Stillstand und Entscheidungen ohne Dauerverhandlungen. Führung heißt in diesem Jahrzehnt, Konflikte offen auszutragen, Prioritäten durchzusetzen und Verantwortung nicht hinter Verfahren zu verstecken. Nur so lässt sich die demokratische Mitte durch Verlässlichkeit stabilisieren, nicht durch Schonrhetorik.
Diese Aufgabe liegt jedoch auch bei den Parteien. Diese Politik der Zumutung wird nur tragfähig, wenn sie erklärt und politisch verankert wird. Die Parteien müssen wieder leisten, was sie verlernt haben. Sie müssen den Bürgern sagen, was geschieht, warum es geschieht und was es kostet. Die CDU muss ihren Anhängern erklären, warum Verteidigung, Schulden und europäische Integration keine Abkehr, sondern zeitgemäße Fortsetzung bürgerlicher Politik sind. Die SPD muss vermitteln, dass soziale Sicherheit ohne äußere Sicherheit nicht existiert. Die Grünen müssen deutlich machen, dass Klimaschutz ohne Industrie und Rohstoffe nicht existieren wird. Und alle Parteien der demokratischen Mitte müssen gemeinsam sagen: Nicht jedes Problem ist lösbar, nicht jede Erwartung erfüllbar, nicht jede Zumutung vermeidbar – ohne dass Demokratie Schaden nimmt.
2026 wird nicht das Jahr sein, in dem alles gut wird. Es wird das Jahr, in dem diese Republik den Mut zur Wahrheit und zur Wahrhaftigkeit beweisen muss. Der Westen, wie wir ihn kannten, ist vorbei. Was entsteht, wird erarbeitet, erstritten und politisch erzwungen. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Europa Akteur wird, sondern ob Deutschland die Verantwortung übernimmt, die es lange vermieden hat. Denn Europa wird nur handlungsfähig, wenn Deutschland die Last des Ermöglichens trägt – finanziell, industriell und politisch. Ohne deutsches Gewicht keine europäische Verteidigungsfähigkeit, ohne deutsche Beschaffung keine Skalierung, ohne deutsche Industrie keine Stückzahlen, ohne deutsche Moderation keine dauerhafte Handlungsfähigkeit. Deutschland darf nicht das moralische Zentrum Europas sein, aber muss sein strategischer Dreh- und Angelpunkt werden.
Und diese Verantwortung endet nicht bei Regierung und Parteien. Sie richtet sich auch an die Bürger. An ihre Bereitschaft, Wahrheit auszuhalten, Zumutungen nicht reflexhaft zu skandalisieren und Freiheit nicht als Komfortzone zu missverstehen. An die Reife, Politik nicht wie ein Dienstleistungsprodukt zu behandeln, sondern als gemeinsame Aufgabe. Was vor uns liegt, ist eine neue geistig‑moralische Wende: weg von der Illusion der Schonung, weg von bundesrepublikanischer Gemütlichkeit, hin zur Anerkennung der weltweiten Realitäten und zu Verantwortung, Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit. In diesem Erwachsenwerden der Republik gehören manche innenpolitischen Aufgeregtheiten dann auch wirklich an den Rand der Geschichte: Stadtbild‑Debatten, Haltelinien und Juso-Befindlichkeiten sind dann Randnotizen – kein Anlass für wohlstandsverwahrloste Dauerempörung auf dem moralischen Schlachtross.
Aus dieser Zumutung entsteht eine strategische Konsequenz. Damit wird der normative Westen neu begründet – nicht mehr als geerbte transatlantische Selbstverständlichkeit, sondern als bewusste europäische Entscheidung für Freiheit, Recht, Demokratie und Selbstbehauptung. Dieser Westen entsteht nicht aus Nostalgie, sondern aus Entschlossenheit. Er verlangt Führung, Mut und eine klare politische Verortung. Friedrich Merz hat dieses Bekenntnis von Beginn an -unter auch einer dieser Empörungsrunden- abgegeben. Direkt am Wahlabend erklärte er in der Elefantenrunde, seine „absolute Priorität“ sei es, Europa so schnell wie möglich zu stärken, damit es Schritt für Schritt echte Unabhängigkeit von den USA erlange. Nicht als Formel, sondern als programmatische Ansage für ein Jahrzehnt der Neuordnung.
Europa wird diesen normativen Westen nur tragen können, wenn Deutschland ihn führt – sichtbar, selbstbewusst und dauerhaft. In dieser Ordnung entscheidet der Kanzler darüber, ob Europa politisch handlungsfähig wird oder in strategischer Bedeutungslosigkeit verharrt.
Auf den Kanzler kommt es an. As Leader of the free world.