Wir verwenden „Europa“ und „Europäische Union“ gerne synonym. Euroskeptiker weisen mit der ihnen eigenen Penetranz seit Jahren darauf hin, dass das falsch sei: Das eine ist der Kontinent, das andere der Staatenbund. Lange hielt ich das für Wortklauberei. Mittlerweile muss ich ihnen zugestehen: Ausgerechnet in diesem Punkt haben sie einen Punkt. Und vielleicht sollten wir genau den jetzt einmal zu Ende denken.

Kanada liegt auf der anderen Seite des Atlantiks. Fast 4.000 Kilometer trennen Ottawa und Brüssel. Nach dieser Logik ist die Sache damit erledigt: Kanada ist nordamerikanisch. Die Europäische Union europäisch. Ende der Debatte. Oder vielleicht gerade ihr Anfang.

Ursula von der Leyen hat in ihrer Rede zur Lage der Union vorgeschlagen, Kanada zum ersten assoziierten Mitglied der Europäischen Union (EU) zu machen. Kanadas Premierminister Mark Carney ließ sich nicht lange bitten. Kanada und Europa, sagte er sinngemäß, seien zwar nicht durch Geografie miteinander verbunden, wohl aber durch eine bewusst gewählte Verwandtschaft.

Das klingt zunächst nach europhiler Romantik. Tatsächlich steckt dahinter eine nüchterne Frage: Was will die Europäische Union im Jahr 2026 eigentlich sein?

Europa ist ein Kontinent. Die EU ist eine politische Idee.

Die europäische Einigung begann innerhalb geographischer Grenzen. Politisch zusammengehalten wird sie längst von etwas anderem. Ihre eigentlichen Grenzen verlaufen nicht auf der Landkarte. Sie verlaufen dort, wo das gemeinsame Verständnis von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft endet. Und dort, wo die Bereitschaft fehlt, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch zusammenzuarbeiten und Souveränität gemeinsam auszuüben, um gegenüber Dritten handlungsfähiger zu werden.

Kanada teilt sehr vieles davon.

Die EU und Kanada verbindet mit CETA bereits eines der umfassendsten Handelsabkommen der Welt. Laut EU-Kommission ist der Warenhandel seitdem um beeindruckende 75 Prozent gestiegen. Nun geht es längst um mehr: um eine engere Verzahnung der Verteidigungsindustrien, um kritische Rohstoffe, Energie, KI, Quantentechnologie und Cybersicherheit. Selbst die Sicherheit der Arktis wird zur gemeinsamen Frage. Das ist längst mehr als gute Nachbarschaft über einen Ozean hinweg.

Die Landkarte des 20. Jahrhunderts reicht nicht mehr

Die entscheidenden geopolitischen Konfliktlinien unserer Zeit verlaufen nicht mehr entlang der alten westeuropäischen Nationalstaatsgrenzen. Dass aus ehemaligen Kriegsgegnern Partner wurden, ist die große historische Leistung der europäischen Einigung. Heute verläuft die Trennlinie zunehmend zwischen offenen und autoritären Gesellschaften, zwischen regelbasiertem Handel und wirtschaftlicher Erpressung, zwischen Demokratien, die Macht begrenzen, und Staaten, die Macht über Recht stellen.

China kontrolliert zentrale Rohstoff- und Lieferketten. Russland führt Krieg gegen Ukraine. Und gegen die europäische Nachkriegs- und Friedensordnung gleich mit. Die Kontrolle über Handelswege, Energie, Daten, Halbleiter und seltene Erden ist zum geopolitischen Machtinstrument unserer Zeit geworden. Eine EU, die ihre strategischen Möglichkeiten in dieser Zeit an den Grenzen einer Schulwandkarte enden lässt, macht sich kleiner, als sie sein müsste.

Kanada besitzt vieles von dem, was die EU strategisch braucht: Energie, kritische Rohstoffe, Technologie und eine enorme Präsenz in der Arktis. Die EU wiederum bietet Kanada einen riesigen Binnenmarkt, industrielle Kapazitäten, Forschung und politisches Gewicht. Carney sprach in Straßburg deshalb ausdrücklich von komplementären Stärken. Das ist Interessenpolitik. Und gerade deshalb ist es eine interessante Partnerschaft.

Adenauer dachte Europa nie als Selbstzweck

Konrad Adenauer sagte 1954: „Die Einheit Europas war ein Traum von wenigen. Sie wurde eine Hoffnung für viele. Sie ist heute eine Notwendigkeit für uns alle.“ Er begründete diese Notwendigkeit ausdrücklich mit Sicherheit und Freiheit. Es wäre ausgesprochen christdemokratisch zu überprüfen, ob die damals geschaffenen Institutionen auch den Erfordernissen der heutigen Zeit gerecht werden.

Denn die europäische Einigung war eine Antwort auf die Machtverhältnisse ihrer Zeit. Die Machtverhältnisse haben sich jedoch stark verändert. Warum sollte also ausgerechnet unsere Vorstellung europäischer Integration davon unberührt bleiben?

Das heißt nicht, dass Kanada morgen zum 28. Mitgliedstaat werden soll. Dafür dürften die Vorbehalte auf beiden Seiten ohnehin erheblich sein. Und dann wäre da noch das europäische Vertragsrecht: Nach Artikel 49 EUV kann nur ein „europäischer Staat“ einen Antrag auf Mitgliedschaft stellen.

Gerade deshalb ist von der Leyens Idee einer Assoziierung interessant: Sie eröffnet einen strategischen Raum zwischen Freihandelsabkommen und Vollmitgliedschaft.

Eine Union der Interessen

Vielleicht brauchen wir für die multipolare Welt ohnehin mehr solcher Zwischenräume.

Warum sollte eine Gemeinschaft beim Freihandel haltmachen? Gemeinsame Verteidigungsprojekte, gesicherte Rohstoffketten, gemeinsame Forschung und eine engere außenpolitische Abstimmung wären denkbar. Nicht jede solche Partnerschaft muss deshalb gleich in das Korsett einer Vollmitgliedschaft gezwängt werden.

Dann wäre die entscheidende Frage nicht mehr nur: Liegt ein Staat in Europa? Sondern auch: Teilt er unsere grundlegenden Werte? Teilt er unsere strategischen Interessen? Ist er bereit, Rechte und Pflichten einer gemeinsamen Ordnung zu übernehmen?

Über die Grenzen eines solchen Modells muss gestritten werden. Aber wenn die Welt gerade neu vermessen wird, darf die politische Idee Europas nicht am Atlantik enden.