Wer seine Partei im Internet verteidigt, sollte vor dem Posten noch einmal die Nachrichten aktualisieren. Gut möglich, dass die eigene Führung das mühsam formulierte Argument in der Zwischenzeit widerlegt hat.

Ich gehöre zu den sogenannten Parteisoldaten. Leute, die sich öffentlich zur CDU bekennen, für ihre Politik argumentieren und dafür zuverlässig erklärt bekommen, dass sie entweder gekauft oder verblödet sein müssen. Man gewöhnt sich an vieles. An Beschimpfungen, absichtlich missverstandene Sätze und Diskussionen mit Accounts, deren staatsbürgerliche Existenz aus einer Deutschlandfahne, zwei bis fünf blauen Herzchen und acht Ziffern besteht. Was einem die Sache wirklich verleidet, kommt allerdings zunehmend aus den eigenen Reihen.

Nehmen wir Jens Spahn. Nach der Leihmutterschaftsdebatte und dem Rücktritt vom Fraktionsvorsitz wäre vielleicht eine Phase unauffälliger Parlamentsarbeit eine brauchbare Idee gewesen. Stattdessen tauchen Bilder aus Sardinien auf, während er im Haushaltsausschuss fehlt. Aus dem Ausschuss heißt es, er habe die Abwesenheit mit einer Erkrankung seines Kindes begründet. Sein Umfeld verweist auf familiäre Gründe und auf eine Vertretung. Nach ARD-Recherchen wollte ihn eine Mehrheit seiner Kollegen aus dem Ausschuss werfen.

Und schon sitzt man wieder vor dem Bildschirm und soll Feinheiten erklären, die der Betroffene selbst offenbar für unerheblich hielt. Was war angekündigt, was abgesprochen, was ist Privatsache? Dazu liegt die Maskenaffäre als Vorwissen längst auf dem Tisch. Jede neue Geschichte trifft auf eine Glaubwürdigkeit mit erheblichen Gebrauchsspuren.

Dann Philipp Amthor. In der ZDF-Dokumentation lässt er uns an seinem Aufstieg ins Kanzleramt teilhaben. Der Dienstwagen, das repräsentative Büro, der Strandkorb auf dem Balkon. Dazu die unverhohlene Freude über den Karrieresprung und über den Fuchs, den man vom Kanzlergarten aus beobachten kann. Schön für den Fuchs. Der muss die Bilder hinterher nicht auf X verteidigen.

Den Strandkorb hat er samt Lieferung und Aufbau privat bezahlt, inzwischen soll er zurück nach Mecklenburg-Vorpommern. Die Kostenfrage ist damit erledigt. Die Frage nach dem politischen Gespür bleibt. Wie kommt man in der aktuellen Lage und Stimmung des Landes auf die Idee, vor laufender Kamera ausgerechnet die Annehmlichkeiten des eigenen Aufstiegs vorzuführen? Zumal mit einem Namen, der seit Augustus Intelligence ohnehin mit der Frage verbunden ist, wie sich Amt und persönlicher Vorteil zueinander verhalten.

Ein Strandkorb ist kein Staatsversagen. Gerade deshalb ärgert die Sache so. Ohne jede Not entsteht ein Bild, gegen das sich andere anschließend die Finger wund schreiben dürfen. Man wollte über die Zukunft des Landes streiten und findet sich als ehrenamtlicher Fachsprecher für Balkonmöblierung wieder.

Schwerer wiegt der Umgang mit dem eigenen Kanzler. Wer online für Friedrich Merz argumentiert, arbeitet sich nebenbei durch Berichte über seine mögliche Ablösung. Bei Lanz schilderte Markus Feldenkirchen, wie Unionsleute seit Wochen unter dem Schutz der Vertraulichkeit gegen Merz reden. Draußen sollen wir eine Regierung verteidigen, an deren Autorität drinnen die eigenen Leute sägen.

Immerhin bringen die Ministerpräsidenten eine gemeinsame Unterstützungserklärung zustande. Laut „Machtwechsel“ soll bei der Überarbeitung der Name Friedrich Merz aus dem Text gestrichen worden sein. Eine bemerkenswerte Form der Rückendeckung. Man steht hinter dem Kanzler, möchte beim Namen aber lieber nicht so konkret werden.

Wir Parteisoldaten machen das freiwillig. Weil wir überzeugt sind, dass die CDU im Großen und Ganzen das Richtige für dieses Land will. Da wäre es hilfreich, wenn uns die eigene Führung wenigstens die vermeidbaren Erklärungsnöte ersparte.

Vor allem müsste die Partei begreifen, dass diese Schlachten überhaupt für sie geschlagen werden. Im Netz entscheidet sich mit, wem die Leute vertrauen. Der Stimmzettel fragt am Wahltag nicht, wo eine Überzeugung entstanden ist. Trotzdem behandelt die Union die digitale Welt weiter wie einen Nebenschauplatz, auf dem Kinder Tanzvideos gucken und die Pressestelle ihre Mitteilungen als höchstes der Gefühle zweitverwertet. Seit Rezo 2019 (!) sind Jahre verlorener Schlachten und schwindender Truppen vergangen. Man kann nicht fortwährend Gelände verlieren und zugleich darauf bestehen, dass es dieses Gelände gar nicht gibt.

Wir setzen dort unsere eigene Glaubwürdigkeit ein. Der betroffene Politiker lässt sein Umfeld erklären, wir dürfen unsere Beiträge löschen. Irgendwann lässt auch der Überzeugteste die nächste Behauptung, die falsche Empörung und die übelste Verleumdung einfach stehen. Dann hat die Partei wieder jemanden verloren, lange bevor er austritt.

Ich will diese Partei verteidigen können, weil ich ihre Idee von Freiheit und Verantwortung für richtig halte. Ich will erklären können, wie Deutschland ein Land wird, das endlich wieder besser für alle funktioniert. Dafür nehme ich Streit in Kauf. Für die Frage, welcher Ministerpräsident wann welchen Kanzler beerben könnte, ist mir meine Lebenszeit zu schade. Wer einen besseren Plan hat, möge ihn so ausführlich vorlegen, wie sein Umfeld den Journalisten die Schwächen des Kanzlers erläutert.

Für eine überzeugende Rentenreform würde ich mich mit dem halben Internet anlegen. Für eine Steuerreform, die den Namen verdient, auch mit der anderen Hälfte. Für Strandkörbe und Sardinien bin ich nur bedingt abwehrbereit.