Lars Klingbeil hält bei der Bertelsmann Stiftung eine angebliche Reformrede und erklärt plötzlich: „Wir werden als Gesellschaft insgesamt mehr arbeiten müssen.“ Genau jene „mehr arbeiten, länger arbeiten“-Linie, für die er die Union noch vor wenigen Tagen scharf angegriffen hat, weil sie angeblich die Menschen für bequem hält. Jetzt verkauft er diese Wende als eigenen Kurswechsel.

Man sollte dazu eine Zahl im Kopf haben: 64,9 Prozent. Mit diesem Wert wurde Klingbeil vor neun Monaten als SPD-Chef im Amt bestätigt – das zweitschlechteste Ergebnis eines SPD-Vorsitzenden überhaupt, während seine linke Co‑Chefin Bärbel Bas zeitgleich 95 Prozent bekam. Die Partei hat ihm damit ziemlich klar gesagt, was sie von seiner bisherigen Führung hält.
Ein Jahr später steht er für zwei krachende Niederlagen in Baden‑Württemberg und Rheinland‑Pfalz, eine verlorene Regierung, und eine SPD, die bundesweit um die 15 Prozent herumdümpelt. Rücktritt? Fehlanzeige. Statt Verantwortung zu übernehmen, entdeckt Klingbeil nun die Agenda der Union für sich – länger arbeiten, mehr arbeiten, Leistung rauf – nur mit leicht sozialdemokratischer Soße.

Genau hier wäre kritischer Journalismus gefragt: aufzeigen, dass der gleiche Vorsitzende, der diese Vorschläge gestern noch als unsozial und spaltend bekämpft hat, sie heute als mutige SPD‑Erneuerung verkauft. Stattdessen feiern viele Kommentare einen „Agenda‑Moment“ und „Druck auf die Union“. Das ist politischer Betrieb auf Goldfisch‑Level: viel Spin, null Gedächtnis. Anstatt zu fragen, wie der erfolgloseste Parteivorsitzende aller Zeiten politische Mehrheiten für einen Kurs organisieren will, den die Mehrheit seiner Partei ablehnt, wird Schröders ehemaliger Zögling und der Meister des opportunistischen Negative Campaigning zum Reformer gemacht. Die Berliner Blase klatscht, die Bürger schütteln den Kopf und die Union hängt ihr eigenes Schicksal an eine Lame Duck.