Es gibt Kalenderdaten, die untrennbar mit einem Land verbunden sind. Für Deutschland gehört der 1. September dazu. An diesem Tag überfiel Deutschland 1939 seinen Nachbarn Polen. Dieses Datum markiert den Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa, der viele Millionen Menschen das Leben kostete.

Am 1. September 2026, genau 87 Jahre später, geschah etwas, das auf eigentümliche Weise mit diesem Datum verbunden ist.

Die Bundesregierung gab bekannt, dass Russland für den versuchten Anschlag mit einer Sprengstoffdrohne auf den Flughafen Leipzig/Halle verantwortlich sei. Ein Angriff auf kritische Infrastruktur? Und das mitten in Deutschland? Die Antwort unserer Verbündeten ließ nicht lange auf sich warten. NATO und EU stellten sich an unsere Seite. Besonders bemerkenswert war die Reaktion unserer östlichen Nachbarn: Sie machten deutlich, dass Deutschland auf ihre Solidarität zählen kann.

Und das an einem 1. September

Mit historischen Vergleichen sollte man vorsichtig sein. Und gewiss: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber manchmal erzählt ein Datum trotzdem etwas darüber, wie sehr sich die Welt verändert hat.

Über Jahrzehnte war die deutsche Außenpolitik von besonderer Zurückhaltung geprägt. Das war verständlich. Aus dem „Nie wieder“ unserer Geschichte erwuchs ein außen- und sicherheitspolitisches Selbstverständnis, das Vorsicht zur Maxime erhob. Diese Haltung hat uns geprägt und war 1945 auch notwendig. Gemeinsam mit der Westbindung und der europäischen Einigung half diese Haltung, neues Vertrauen zu schaffen und Deutschland die Rückkehr in die Gemeinschaft der Demokratien zu ermöglichen.

Vom Misstrauen zur Solidarität

Deutschland ist heute fest in der Mitte Europas verankert. Polen, Balten, Tschechen und andere europäische Partner sehen Deutschland heute nicht mehr vor allem als Gefahr, vor der sie geschützt werden müssen. Sie wollen uns schützen, wenn wir in Gefahr sind.

Es lohnt sich, kurz innezuhalten. Denn diese Entwicklung ist alles andere als selbstverständlich. Das ist vielleicht eine der größten Errungenschaften der europäischen Nachkriegsgeschichte. Und genau das gehört zur DNA der Christdemokratie: die Aussöhnung mit unseren Nachbarn, die Einigung Europas, die feste Verankerung im westlichen Bündnis und das gegenseitige Versprechen, Frieden und Freiheit gemeinsam gegen Russlands Griff nach Europa zu verteidigen.

Aus Vertrauen erwächst Verantwortung

Deutschland ist das bevölkerungsreichste Land der EU und ihre größte Volkswirtschaft. Wir liegen im Herzen Europas. Unsere Entscheidungen haben Gewicht. Ob wir das wollen oder nicht. Deshalb reicht es nicht mehr, Deutschland vor allem als Vermittler, Financier oder zurückhaltende Mittelmacht zu verstehen. Unsere Partner erwarten keine deutsche Dominanz. Keine deutschen Alleingänge. Sondern unsere Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Russlands brutaler Angriffskrieg gegen die Ukraine hat diese Entwicklung beschleunigt. Hybride russische Angriffe führen uns diese Bedrohung inzwischen vor der eigenen Haustür vor Augen. Russische Narrative finden längst auch in deutschen Parteien Verbreitung. Parteien, die sich als die vermeintlich ursprünglichere CDU inszenieren. Dabei stehen sie mit ihrer Haltung zu Russland und Europa in einem scharfen Gegensatz zur Tradition der Christdemokratie.

Außenpolitik ist daher für Deutschland keine abstrakte Angelegenheit mehr, die irgendwo jenseits unserer Grenzen stattfindet. Unsere Flughäfen, Stromnetze, Unternehmen und staatlichen Institutionen sind längst Teil dieses Ringens um Europas Sicherheit und freiheitliche Ordnung. Wir müssen das endlich erkennen.

Unsere Antwort muss klar und entschlossen sein. Militärische Stärke gehört dazu. Ebenso eine widerstandsfähige Infrastruktur, leistungsfähige Nachrichtendienste, eine starke Wirtschaft und die Bereitschaft, unsere Interessen auch dann zu vertreten, wenn es unbequem wird. Vor allem aber braucht Deutschland ein neues Selbstverständnis.

Verantwortung heißt handeln

Verantwortung bedeutet im Jahr 2026 nicht länger Zurückhaltung um ihrer selbst willen. Verantwortung muss heute bedeuten, aktiv zu werden und sich einzumischen. Um einen Verbündeten zu schützen. Um einen Aggressor abzuschrecken. Um Europas Freiheit zu verteidigen.

Am 1. September 1939 mussten unsere Nachbarn Deutschland fürchten.

Am 1. September 2026 stehen unsere Nachbarn an Deutschlands Seite.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegen 87 Jahre deutscher und europäischer Geschichte. Vielleicht ist es an der Zeit, daraus auch außenpolitisch die Konsequenz zu ziehen: Aus historischer Verantwortung darf heute nicht politische Zurückhaltung folgen. Sie verpflichtet Deutschland, Europas Frieden und Freiheit aktiv zu verteidigen. Gemeinsam mit unseren Partnern.