Lieber Herr Schulze,

am Ende Ihres Wahlkampfs steht eine Kachel. Oranger Hintergrund, weiße und schwarze Großbuchstaben, ein Satz: Eine Stimme ist ein Kommentar, zwei sind eine Entscheidung. Darunter das Datum und die Bitte um beide Stimmen für Ihre Partei.

Ich habe sie ein paar Mal gelesen und wieder weggelegt.

Ein Wähler in Sachsen-Anhalt hat zwei Stimmen. Mit der einen bestimmt er, wer seinen Wahlkreis im Landtag vertritt. Mit der anderen, wie stark die Parteien im Landtag sind. Zwei verschiedene Entscheidungen, beide gültig, beide gezählt.

Ihre Kachel macht daraus eine Rangfolge. Oben die richtige Stimme, unten die falsche. Wer nur den Menschen wählt, den er aus dem Wahlkreis kennt, bekommt von seinem Ministerpräsidenten mitgeteilt, er habe einen Kommentar abgegeben.

Ihre Partei lebt in diesem Land seit Jahrzehnten von genau diesen Wahlkreisen. Direktmandate sind Ihr Fundament.

Und Sie machen dazu eine Nonsens-Kachel.

Wissen Sie, ich mache Kommunikation beruflich, und für mein Auge liest sich diese Zeile nach Maschine. Zwei Hälften, sauber gespiegelt, und keine, die für sich etwas bedeutet. Ein Kommentar wozu, von wem, an wen? Für das trainierte Auge unerkennbar. Für den Wähler auch. Der erste Satzteil existiert nur, damit der zweite eine Daseinsberechtigung hat.

Er scrollt vorbei, liest einen Satz, der ihm nichts erklärt, und vergisst das Gesehene wieder.

Man muss nicht wissen, wie so ein Satz entsteht, um zu merken, dass er Nonsens ist.

Vorher hatten Sie eine Tour, gemeinsam mit Didi Hallervorden, der mit Ihnen und Ihrer Partei nicht nur ein bisschen fremdelt. Die Säle waren voll. Das zählt. Aufmerksamkeit um jeden Preis. Das kann man gut finden. Kommunikation geht anders.

Auf der Bühne kam dann ein Lied gegen den Kanzler und den Verteidigungsminister. Auf der Leinwand liefen Bilder eines SA-Aufmarschs, danach Soldaten in Tarnkleidung, dann der Kanzler beim Händeschütteln. Zwischendurch ein Foto von einer Gaza-Demonstration. Bizarr.

Die weiteren Termine liefen wie geplant. Sie haben sich anschließend davon distanziert. Ihre Generalsekretärin auch. Kann man machen.

Mit dem linken Hallervorden auf die Bühne. Mit dem linken Tilo Jung? Absage. Freitags zugesagt, sonntags zurückgezogen. Das Duell bei Ben Berndt, der weder links ist noch Ihnen nahesteht? Kam nicht zustande.

Angst vor der eigenen Courage?

Zu den etablierten Medien gehen Sie nämlich. Im Sommer saßen Sie in einer Talkshow, die in Hamburg aufgezeichnet wird. Für Podcasts, hieß es später, reisen Sie im Wahlkampf nicht in andere Bundesländer.

Ich weiß, wie Wahlkampf aussieht. Der Kalender ist voll, die Leute sind gestresst, jeder Termin ist ein Risiko, wenn man es mit der Kommunikation nicht so hat. Und die Zahlen? Die Zahlen gehen trotzdem in die falsche Richtung. Stetig.

Nur ändert das alles nichts daran, dass jede dieser Entscheidungen getroffen wurde. Die Tour. Die Absagen. Die merkwürdige Zeile auf der Kachel. Niemand hat Ihnen das aufgezwungen. Und niemand hat es Ihnen ausgeredet. Das ist schade.

Beste Grüße