Ferat Koçak bittet Firas Remmo, seine Rede an „alle eure Leute“ zu verteilen. Steffen Krach will vor einer Koalition trotzdem nur ein Bekenntnis der Berliner Linken gegen Antisemitismus. Die iranische Linke hat 1979 auch geglaubt, sie habe die Islamisten im Griff. Am Ende kamen die Bekenntnisse von ihr.
Lieber Herr Krach,
Sie wollen ein Bekenntnis. Vor der Wahl haben Sie gesagt, ohne ein klares Bekenntnis der Linken gegen Antisemitismus gehe nichts, und zwar von der ganzen Partei, nicht nur von der Spitzenkandidatin. Das war mutig, weil es damals noch etwas gekostet hat.
Sie werden es bekommen.
Das ist ja das Problem.
Das erste Bekenntnis kam vom Clan
Das erste Bekenntnis nach dieser Wahl kam nicht von der Linken. Es kam aus der Familie Remmo.
Issa Remmo war kaum von der Wahlparty der Neuköllner Linken geflogen, da stellte sein Sohn Firas die Chats mit Ferat Koçak ins Netz. Koçak grüßt darin den Vater „mit Respekt“ zurück und fragt, wann er im Büro vorbeikommen kann. Später schickt er seine Bundestagsrede über die „hysterische Dauerdebatte“ um Clans hinterher. Dazu: „Sagt allen euren Leuten, die sollen das teilen bitte.“
„Gerne Bruder.“
Obendrüber setzte Firas Remmo für alle sichtbar, man sei Teil von etwas Großem und halte zusammen. So sieht eine Quittung aus.
Koçak hat danach erklärt, Kontakte zur organisierten Kriminalität seien durch nichts zu rechtfertigen. Wer der Mann sei, habe er erst kurz nach dem ersten Gruß erfahren. Den entscheidenden Teil seiner Erklärung kann man deshalb getrost überspringen: Als er um „eure Leute“ bat, wusste er, wem er schrieb.
Geschrieben habe er ihm wie jedem anderen Neuköllner. Jeden anderen Neuköllner bittet man natürlich auch, es dem ganzen Stamm weiterzusagen.
Jeder konnte rein
Am selben Abend ließ sich Koçak neben Ibrahim Ibrahim fotografieren, einem Mann aus dem Umfeld der PFLP, die der Berliner Verfassungsschutz zum extremistischen Spektrum zählt. Am Montag kam die Distanzierung: Hunderte Fotos, jeder konnte rein.
Nur war Ibrahim keine Laufkundschaft. Im vergangenen Jahr durfte er auf einem Fest des Bezirksverbands reden, das Foto davon hat der Bezirksverband selbst gepostet. Nach der Wahl gratulierte er der Linken im Namen seines Komitees und verkündete stolz, die eigenen Leute hätten bei der Mobilisierung der Wähler mitgeholfen. Der Verfassungsschutz zählt dieses Komitee zu den prägenden Kräften der israelfeindlichen Szene.
Jeder konnte rein.
Manche waren längst drin.
Die Partei hat alles behalten, was zählt
1946 hat im Osten die KPD die SPD geschluckt. Heraus kam die SED. Sozialdemokraten, die sich querstellten, landeten in Bautzen. Das ist Ihre Parteigeschichte, Herr Krach.
1989 ging die Diktatur unter, die Partei blieb. Sie wechselte den Namen, behielt Funktionäre und Strukturen und wollte 1990 noch ein paar Millionen über Moskau in Sicherheit bringen, bevor eine Kommission den Rest einzog. Die Linke ist rechtlich dieselbe Partei. Nur das Schild an der Tür ist neu.
Ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp kam erst 2017 zur Partei. Sie hat mit der SED persönlich nichts zu tun. Genau deshalb ist sie das passende neue Gesicht für eine Partei, die ihr altes Erbe behalten hat.
Stellen Sie sich vor, die Nachfolgepartei der NSDAP hätte nach dem Krieg einfach den Namen gewechselt und würde heute Nürnberg regieren. Undenkbar, und zwar zu Recht.
Bei der SED haben wir genau das zugelassen.
Die SED hat die Tür selbst aufgemacht
Die SED hatte Freunde im Nahen Osten. Die PLO bekam ihr erstes Büro in Europa in Ost-Berlin. Die PFLP gehörte dazu.
Und die SED hatte ein Geschäft. Als im Libanon der Bürgerkrieg losging, flogen Zehntausende nach Schönefeld, zahlten fünf Mark für ein Transitvisum und fuhren mit dem Bus zur Friedrichstraße. Von dort ging es ohne Kontrolle nach West-Berlin. Die DDR kassierte Devisen. Der Westen hat die Leute geduldet und dann sitzen lassen, ohne Arbeitserlaubnis, die Kinder teils ohne Schulpflicht.
Auf beiden Seiten entstanden damit Strukturen, die ihre Mitglieder enger banden als der Staat.
Im Osten hieß diese Struktur SED. Wer dazugehört, hatte Genossen, Funktionäre, Netzwerke und eine gemeinsame Geschichte. Die Partei sorgte für Zugehörigkeit und erwartete dafür Loyalität. Wer sich querstellte, landete in Bautzen.
Auf der anderen Seite entstanden aus den eingewanderten Familien eigene Loyalitätsstrukturen. Wer aus dem Nahen Osten kam und vom Staat wenig zu erwarten hatte, blieb bei denen, die man kannte. Die Familie sorgte für Schutz und Zugehörigkeit und erwartete dafür Loyalität. Aus Familien wurden Großfamilien, aus Großfamilien Clans.
Die eine Gruppe organisierte sich politisch. Die andere familiär.
Beide wussten, was „die eigenen Leute“ bedeutete.
Teile der Familie Remmo kamen in den Achtzigern über die DDR nach West-Berlin. Jahrzehnte später steht Issa Remmo auf der Wahlparty der Rechtsnachfolgerin der SED und sagt, er fühle sich zum ersten Mal von einer Partei verstanden.
Da treffen zwei Loyalitätssysteme aufeinander.
Auf der einen Seite eine Partei, die ihre politische Gefolgschaft organisiert. Auf der anderen Seite ein familiäres Netzwerk, das seine eigenen Leute mobilisieren kann.
Und plötzlich steht da dieser Satz aus dem Chat:
„Sagt allen euren Leuten, die sollen das teilen bitte.“
„Gerne Bruder.“
Das ist die Verbindung. Nicht, dass beide Strukturen dasselbe wären. Sondern dass beide nach innen Loyalität organisieren und nach außen geschlossen auftreten.
Für die Partei kann daraus politische Unterstützung werden. Für das andere Milieu kann daraus politischer Zugang werden.
Und genau an diesem Punkt beginnt die Frage, wer eigentlich wen instrumentalisiert.
Wer hier wen benutzt
In Frankreich gibt es dafür ein Wort: Islamogauchisme. Gemeint sind dort politische Bündnisse oder Annäherungen zwischen Teilen der Linken und islamistischen Milieus. Die PFLP ist eine marxistische Organisation; sie steht heute in einem Verhältnis zur Hamas, das politisch und organisatorisch dokumentiert ist.
Die westliche, weiße Linke sieht die Welt als Sandkasten, in dem nur die Förmchen gerecht verteilt werden müssen. Wer so denkt, kann politische Bündnisse als Zweckgemeinschaften betrachten: Jeder bringt etwas mit, jeder bekommt etwas zurück.
1979 hat die iranische Linke ähnlich gerechnet.
Sie marschierte mit Khomeini gegen den Schah, die kommunistische Tudeh-Partei vorneweg. Die Rechnung war einfach: erst gemeinsam den Schah stürzen, dann die Revolution übernehmen. Die Mullahs hielt sie für nützliche Mitläufer.
Das war die entscheidende Rollenverwechslung.
Nicht die Islamisten waren die nützlichen Idioten der iranischen Linken. Die iranische Linke wurde selbst zum nützlichen Werkzeug.
Vier Jahre später war die Tudeh verboten. Ihre Führung saß im Gefängnis und legte im Staatsfernsehen Bekenntnisse ab. Ein paar Jahre danach ließ das Regime Tausende politische Gefangene hinrichten, viele davon Linke.
Die iranische Linke hatte geglaubt, sie könne mit den Islamisten Politik machen, ohne ihnen politische Macht zu verschaffen.
Am Ende war genau das geschehen.
Danach brauchten die Mullahs die Linke nicht mehr.
Was Sie nächste Woche fragen können
Wenn der Parteitag der Linken am Freitag zustimmt, fangen die Sondierungen nächste Woche an. Man wird Ihnen ein Papier hinlegen, in dem alles steht, was Sie hören wollen. Unterschreiben wird es jeder am Tisch. Neukölln natürlich auch.
Fragen Sie nicht nach dem Satz.
Fragen Sie, wer Ibrahim letztes Jahr reden ließ. Und wer im Wahlkampf die Hilfe seines Komitees angenommen hat.
Wenn keiner antwortet, haben Sie Ihre Antwort.
In Teheran kamen die Bekenntnisse auch.
Nur kamen sie zu spät.
Im Staatsfernsehen.
Von denen, die bis dahin geglaubt hatten, sie hätten die Klügeren am Tisch.
Das Bekenntnis ist das Billigste am ganzen Tisch.
Beste Grüße
