Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der AfD in Sachsen-Anhalt, hat offengelegt, was als ideologischer Kern seiner Partei immer wieder durchscheint: Der Angriff auf die erinnerungspolitische Architektur der Bundesrepublik durch bewusste Relativierung des Holocaust. Im POLITICO-Podcast wurde er von Gordon Repinski gefragt, ob der Holocaust das schlimmste Menschheitsverbrechen sei. Seine Antwort: „Das maße ich mir nicht an zu bewerten.“ Eine Ausflucht. Nicht nur das Gesagte ist hier entscheidend, sondern das Unausgesprochene.

Siegmunds Rhetorik folgt einer Strategie, die in der AfD längst programmatisch geworden ist. Die Singularität der Shoah nicht frontal zu bestreiten, sondern sie schleichend zu untergraben. Statt offener Leugnung bedient man sich der Vernebelung. Statt mit dem Holzhammer operiert man mit dem rhetorischen Skalpell. Man beruft sich auf „andere Verbrechen“, spricht von „differenzierter Betrachtung“ und von „Zukunft statt Rückblick“. Doch in Wahrheit ist es ein gezielter geschichtsrevisionistischer Angriff auf einen Grundpfeiler deutscher Demokratie: die unbedingte Anerkennung von Auschwitz als einzigartiger Zivilisationsbruch.

Diese Haltung ist kein Ausrutscher, kein Missverständnis. Sie steht in direkter Linie zu Björn Höckes Forderung nach einer „180-Grad-Wende in der Erinnerungspolitik“, zu Alexander Gaulands „Vogelschiss“-Vergleich und zur gezielten Diffamierung des Holocaust-Mahnmals als „Schande“. Es ist politische DNA: eine nationalistische Erzählung, die sich von der historisch-moralischen Verantwortung der Bundesrepublik lösen will. Siegmund spricht heute das, was die Partei strategisch vorbereitet hat: Dass Erinnerung nicht länger Verpflichtung sein soll, sondern Bürde, die man endlich abschüttelt.

Der Holocaust war kein Verbrechen unter vielen. Er war der industrielle Massenmord an den europäischen Juden, getragen von einem modernen Staatsapparat, vollzogen mit technischer Präzision und ideologischer Kälte. Er ist das einzige historische Ereignis, in dem ein Staat planvoll, grenzenüberschreitend und ohne praktischen Nutzen die physische Auslöschung eines Volkes als Staatsziel verfolgte. Diese Singularität ist keine moralische Überhöhung, sondern eine empirisch, historisch und rechtlich unbestreitbare Tatsache. Wer sie relativiert, stellt nicht bloß Geschichte infrage, sondern das Fundament des demokratisch gegründeten Deutschlands.

Das wurde bereits im sogenannten Historikerstreit der 1980er Jahre entschieden. Die damals versuchte Relativierung des Holocaust scheiterte am gesellschaftlichen Widerstand. Der demokratische Konsens, der daraus entstand, gilt bis heute: Auschwitz ist unvergleichbar. Und unverhandelbar.

Dabei ist es auch vollkommen verfehlt, die Einzigartigkeit des Holocaust über Opferzahlen relativieren zu wollen. Weder die Millionen Opfer unter Stalin oder Mao noch koloniale Verbrechen oder andere historische Gräueltaten, so grausam und fanatisch sie waren, folgten einer vergleichbaren Logik. Die Shoah war kein Nebeneffekt politischer Gewalt oder repressiver Machtsicherung; sie war ein ideologisches Vernichtungsprojekt, das sich nicht aus rationalen oder strategischen Kalkülen, sondern aus antisemitischer Obsession speiste. Kein anderes Verbrechen verband industrielle Tötungsmaschinerie und totalitäre Vernichtungsabsicht in dieser Konsequenz. Der Holocaust war kein funktionaler Terror, sondern der Zweck selbst. Deshalb ist er nicht relativierbar und schon gar nicht vergleichbar.

Siegmunds Weigerung, diese Wahrheit auszusprechen, ist brandgefährlich. Sie öffnet Räume, in denen antisemitische Narrative, geschichtsvergessene Relativierungen und geschichtsrevisionistische Anschlussfähigkeiten gedeihen können. Sie gibt jenen Auftrieb, die schon lange davon träumen, die Gedenkarchitektur der Republik zu schleifen, um Platz zu machen für ein neues, „entlastetes“ Nationalbewusstsein.

Dass nun ausgerechnet manche Verteidiger Siegmunds behaupten, Gordon Repinski habe nach einer „Rangliste der Menschheitsverbrechen“ gefragt, ist ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver und intellektuell unredlich. Die Frage war unmissverständlich: „War der Holocaust das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte?“ – Das ist kein Zahlenspiel, sondern schlicht ein politischer Lackmustest. In Deutschland, im Jahr 2025, kann es auf eine solche Frage aus dem Mund eines Spitzenpolitikers keine andere legitime Antwort als ein klares Ja geben. Weil es nicht um persönliche Meinungen geht, sondern weil sich darin das Selbstverständnis eines demokratischen Rechtsstaats artikuliert, der aus seiner Geschichte gelernt hat. Wer sich weigert, dieses Ja auszusprechen, stellt sich außerhalb dessen, was in Deutschland politisch noch verantwortbar ist.

Dass dieser Angriff mit dem Gestus des „Ich will nicht urteilen“ daherkommt, macht ihn nur perfider. Denn so wird die Relativierung als vermeintliche Differenzierung verkauft, die Aufkündigung des historischen Konsenses als Ausdruck geistiger Offenheit. Doch wer Auschwitz zur Meinungsfrage erklärt, erklärt auch die deutsche Verantwortung zur Beliebigkeit. Und das trifft den Kern der demokratischen Ordnung dieser Republik.

Es war die Lehre aus Auschwitz, die die Bundesrepublik zu einem anderen Deutschland gemacht hat. Es war die Einsicht in die eigene Schuld, die zur Grundlage eines demokratischen Selbstverständnisses wurde. Wer diese Einsicht schleift, stellt die Demokratie in Frage. Der Holocaust war kein Streitfall. Er war und bleibt die Grenzmarke der Zivilisation.

Wer die Singularität des Holocaust aufkündigt, verhandelt über das Gedächtnis und Fundament dieser Republik. Und das ist nicht hinnehmbar. Nicht 80 Jahre danach. Nie wieder.