Lieber Herr Jessen,

Sie haben einen Gastkommentar geschrieben, und in einem Punkt haben Sie recht. Die Mitte verliert das Feld, auf dem heute Politik gemacht wird. Das Feld heißt Social Media. So weit, so korrekt.

Sie beschreiben die Apps, die wir alle täglich nutzen, als „Massenvernichtungswaffe“, schlimmer noch als eine „digitale Atombombe“ und eine „Demokratievernichtungsmaschine“. Wortgewaltig? Sicher. Sinnvoll? An den Metaphern mag man sich reiben. Aber das soll wohl auch so sein.

Ein Werkzeug ist ein Werkzeug ist ein Werkzeug

Sie machen aus den Sozialen Netzwerken eine Bombe und aus ihren Erfindern die neuen Oppenheimer. Die Atombombe pulverisiert Städte und vergiftet Landstriche über Generationen. Social Media zeigt vor allem Katzenvideos. Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich, in diesem Fall leider schon.

Ein Werkzeug tut nichts von allein. Es wird bedient. Oder man lässt es liegen. Wer es liegen lässt, der tut das bewusst. Wer es bedient, tut das auch.

Und genau das ist passiert: Die Ränder haben das Werkzeug Social Media bedient, die Parteien der Mitte haben das nicht. So entsteht das Ungleichgewicht, das Sie dem Werkzeug anlasten. Das ist nicht die Schuld des Werkzeugs.

Vor einem Jahr habe ich hier beschrieben, was passiert, wenn die Mitte verstummt und die Ränder das Wort übernehmen. Auf Social Media ist es genau so.

Wir haben verstanden

„Wir Deutschen haben Social Media nicht verstanden“, schreiben Sie. Doch. Die Menschen haben es verstanden, die Parteiapparate haben es verschlafen. Und sie verschlafen es weiter.

Die Klage über Narrative, Fake News und Lügen aus den Parteien und Redaktionsstuben der Republik ist arg billig, wenn dieselben Werkzeuge woanders Storytelling, Spins und Framing heißen.

Gleiches Werkzeug, anderes Spielfeld.

Der Filter hat sich demokratisiert

Narrative würden ohne Filter in die Gehirne gespeist, schreiben Sie.

Das tun die klassischen Medien auch. Der Filter ist dort ein Mensch. In der Redaktion sitzt einer, der entscheidet, was läuft und was nicht.

An diesem Filter kamen die Ränder nicht vorbei. Also bauten sie sich einen eigenen Kanal, ganz ohne Filter. Wer nicht ins Fernsehen kommt, macht sein eigenes. Digital.

Der Filter ist damit nicht verschwunden, nur gewandert. Heute entscheidet nicht die Chefredaktion, sondern das Publikum.

Und hier liegt der Punkt, den Sie nicht aussprechen. Der alte Filter hat die Mitte institutionell gestützt, der neue stützt sie nicht mehr von sich aus und ohne eigene Anstrengung. Also erklärt man ihn zur Waffe.

Immer kurz vor der Wahl

Ihr Schluss geht so: Die AfD (aber auch die Linkspartei) führt, weil sie auf Social Media wirkmächtig ist. Daraus machen Sie: Die Netzwerke sind gefährlicher als die Atombombe.

Der erste Teil stimmt, der zweite folgt daraus nicht. Die Parteien der Ränder haben kein Geheimnis. Sie stellen Leute ein, produzieren jeden Tag, probieren aus, was ankommt. Kein Manhattan-Projekt. Arbeit.

Die Mitte hat es bequemer. Sie findet in den Zeitungen, in den politischen Talkshows statt und lässt das Werkzeug liegen. Erst kurz vor einer Wahl fällt ihr auf, dass sie auf Social Media nicht stattfindet. Dann schreibt man einen alarmistischen Kommentar darüber. Ihrer ist einer.

Die Wahl kommt, die Wahl geht, die Mitte schläft wieder ein. Vor der nächsten Wahl wacht sie auf und wundert sich erneut. Und ewig grüßt das Murmeltier.

Zurück zu Ihrer Betriebsanleitung. Die Radikalen, schreiben Sie, hätten sie gelesen, wir nicht. Und man brauche dafür nur ein Smartphone.

Beides zusammen ergibt einen anderen Schluss als Ihren. Ein Handwerk, das so einfach ist, dass jeder es lernen kann, lässt man nur aus einem Grund liegen: Man hält es für überflüssig, in Teilen sogar für anrüchig. Bis kurz vor der nächsten Wahl. Dann ist die Gefahr wieder unmittelbar.

Die nächste Wahl steht schon an. Schauen Sie danach genau hin.

Die Diagnose stimmt. Aber die Waffe ist keine.

Beste Grüße