1979 verbündeten sich im Iran Linke und Islamisten gegen den Schah. Nach der Revolution ließen die Islamisten ihre früheren Verbündeten hinrichten. Heute zeigen Frankreich und Berlin, wie die Kalifatslinke mit Islamisten gegen die westliche Ordnung marschiert. Die Warnung aus Teheran: Am Ende frisst die islamische Revolution ihre linken Wegbereiter. Und mit ihnen könnte die Zivilisation westlicher Prägung untergehen.
„Deine Welt bedeutet ihnen nichts. Sie werden nicht versuchen, sie zu verstehen. Sie werden müde sein, sie werden frieren. Und irgendwann werden sie aus deiner wunderschönen historischen Kirche Feuerholz machen.“
Der Satz stammt aus Das Heerlager der Heiligen, einem zutiefst rassistischen Roman des französischen Schriftstellers Jean Raspail. Das macht ihn als Ausgangspunkt dieser Betrachtung geradezu paradox. Denn Raspails ideologisches Weltbild ist nicht die Grundlage meiner Argumentation. Interessant ist vielmehr ein Mechanismus, den das Buch in drastischer Form beschreibt: Menschen können gemeinsam eine bestehende Ordnung überwinden, ohne dieselben Vorstellungen davon zu haben, was an ihre Stelle treten soll.
Die rassistische Rahmung des Romans muss man dafür weder übernehmen noch verharmlosen. Gerade wenn man sie verwirft, lässt sich die dahinterliegende Frage isolieren. Was geschieht, wenn Menschen mit unvereinbaren Gesellschaftsvorstellungen ein Bündnis eingehen, weil sie denselben Gegner bekämpfen? Und was geschieht, wenn dieser Gegner verschwindet?
Die Antwort hängt nicht allein davon ab, wer zahlenmäßig stärker ist. Sie hängt auch davon ab, wer über das geschlossenere Weltbild, die klareren Ziele und den größeren Willen verfügt, die eigene Ordnung durchzusetzen.
Im Iran ließ sich beobachten, wohin das führen kann. 1979 kämpften ganz unterschiedliche politische Kräfte gegen die Herrschaft des Schahs. Linke, Kommunisten, Liberale und Islamisten hatten wenig gemeinsam, außer der Ablehnung des bestehenden Regimes. Sie gingen gemeinsam gegen den Schah vor. Nach seinem Sturz sollte sich zeigen, wem dieses Bündnis tatsächlich gedient hatte.
Durchgesetzt hat sich Ajatollah Ruhollah Khomeini. Die kommunistische Tudeh-Partei unterstützte zunächst das neue Regime und hoffte, in der neuen Ordnung politischen Einfluss zu behalten. 1983 wurde sie verboten, ihre Führung verhaftet und ihre Mitglieder verfolgt. Ihr Vorsitzender musste im Fernsehen ein Geständnis ablegen. 1988 ließ das iranische Regime Tausende politische Gefangene hinrichten, darunter auch Kommunisten und andere Linke.
Die Revolution hatte den Schah gestürzt. Doch die Islamisten waren nicht bereit, ihre Macht mit jenen zu teilen, die zuvor mit ihnen gekämpft hatten. Der gemeinsame Gegner hatte die Unterschiede zwischen den Verbündeten überdeckt. Er hatte sie nicht beseitigt.
Die iranische Revolution ist keine Blaupause für Frankreich oder Berlin. Die politischen Verhältnisse sind andere, die gesellschaftlichen Voraussetzungen ebenso. Wer beides gleichsetzt, macht es sich zu einfach. Aber die entscheidende Lehre bleibt: Wer sich mit einer politischen Kraft verbündet, sollte nicht nur fragen, gegen wen sie kämpft. Er sollte wissen wollen, welche Ordnung sie an die Stelle der bestehenden setzen möchte.
Denn wer diese Frage nicht stellt, überlässt die Antwort am Ende womöglich denjenigen, die am entschlossensten nach der Macht greifen.
Ein Rathaus in Flammen
Am Samstagabend stürzte in Limoges der Glockenturm des Rathauses in das brennende Gebäude. Randalierer hatten am Ende einer Demonstration gegen die hohen Lebenshaltungskosten Fenster eingeschlagen und im Erdgeschoss Feuer gelegt. Das Rathaus, 1883 eröffnet und seit 1975 denkmalgeschützt, war anschließend weitgehend verloren. Auch aus Marseille, Lyon und Bordeaux wurden schwere Ausschreitungen gemeldet. In Marseille drangen junge Leute ins Rathaus ein und stießen eine Büste der Marianne von ihrem Platz. Landesweit gab es nach den vorliegenden Angaben mehr als 1.200 Festnahmen.
Man kann über steigende Lebenshaltungskosten demonstrieren. Man kann eine Regierung kritisieren, ihre Politik ablehnen und Veränderungen verlangen. Aber wer ein Rathaus anzündet, kämpft nicht für niedrigere Stromrechnungen. Er zerstört das Eigentum anderer, beschädigt das Gemeinwesen und greift die Institutionen an, die das Zusammenleben überhaupt erst ermöglichen.
Die Frage ist deshalb nicht nur, wer an diesem Abend randaliert hat. Sie lautet auch: Welche politischen Kräfte führen solche Proteste zusammen, und was haben sie eigentlich vor?
In Frankreich lässt sich beobachten, wie unterschiedliche Gruppen unter gemeinsamen politischen Symbolen zusammenfinden. Randalierer aus den Vorstädten marschieren neben linken Aktivisten. Gelbe Westen treffen auf Palästinenserfahnen. Die Motive der Beteiligten mögen verschieden sein. Aber die Ablehnung des Westens kann zum gemeinsamen Nenner werden.
Für dieses Bündnis aus radikaler Linker und politischem Islam gibt es in Frankreich den Begriff islamo-gauchisme. Ich halte einen anderen für treffender: Kalifatslinke.
Gemeint ist eine politische Allianz, die Menschen und Gruppen zusammenführt, deren Vorstellungen von Gesellschaft, Freiheit und Zusammenleben kaum unterschiedlicher sein könnten. Solange es gegen Israel, gegen die bestehende Ordnung oder gegen den vermeintlich gemeinsamen Feind geht, treten die Widersprüche in den Hintergrund.
Das funktioniert, weil eine gemeinsame Ablehnung zunächst weniger verlangt als eine gemeinsame Vorstellung davon, wie man leben will. Man muss sich nicht darauf einigen, welche Rechte der Einzelne besitzt, welche Rolle Religion im Staat spielen soll oder wie eine Gesellschaft organisiert werden sollte. Es genügt, sich darüber einig zu sein, wer an allem schuld ist.
Die Palästinenserfahne wird dabei zum politischen Sammelzeichen. Sie steht dann nicht mehr nur für die Palästinenser und ihre berechtigten Anliegen, sondern für alles Mögliche: den Protest gegen die Regierung, den Widerstand gegen den Westen, die Ablehnung Israels und die vermeintliche Befreiung von einer bestehenden Ordnung. Das Zeichen verbindet Forderungen, die miteinander wenig zu tun haben müssen.
Genau darin liegt seine politische Wirkung. Wer unter dieser Fahne marschiert, muss nicht erklären, wofür er nach dem Ende des Protests stehen will.
Was ein gemeinsamer Gegner nicht verbindet
Ein Bündnis wird nicht dadurch tragfähig, dass seine Mitglieder denselben Gegner haben. Es wird tragfähig, wenn sie sich darüber verständigen können, was sie gemeinsam erreichen wollen und welche Grenzen dabei gelten.
Der argentinische Politikwissenschaftler Ernesto Laclau und die belgische Philosophin Chantal Mouffe haben maßgeblich dazu beigetragen, den Linkspopulismus theoretisch zu begründen. Ihre Überlegungen wirken bis in die Politik von Jean-Luc Mélenchon und seiner Bewegung La France insoumise hinein. Ein zentraler Gedanke dieser politischen Strategie besteht darin, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen durch gemeinsame Forderungen und gemeinsame Gegner miteinander zu verbinden.
Das kann zunächst funktionieren. Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen unzufrieden sind, finden sich unter einem gemeinsamen politischen Zeichen wieder. Die einen wollen bessere Schulen, die anderen niedrigere Lebenshaltungskosten, wieder andere einen grundlegenden Umsturz der bestehenden Ordnung. Solange alle gegen dasselbe kämpfen, müssen sie ihre Unterschiede nicht klären.
Doch genau diese Unterschiede verschwinden nicht. Sie werden lediglich vertagt.
Ein Protest gegen den Lehrermangel ist deshalb noch lange kein Protest gegen den Westen. Eine Demonstration gegen hohe Strompreise ist kein Aufstand gegen Israel. Und wer sich für bessere Schulen einsetzt, muss sich nicht mit jenen gemein machen, die aus politischem Hass Gebäude anzünden.
Die entscheidende Frage lautet, wer den Protest politisch deutet. Bleibt es bei konkreten Forderungen, kann eine Regierung daran gemessen werden, ob sie die Probleme löst. Wird der Protest dagegen zum Symbol eines umfassenden Kampfes gegen die bestehende Ordnung, verschiebt sich der Maßstab. Dann geht es nicht mehr darum, ob die Schule saniert oder die Stromrechnung bezahlbar wird. Dann zählt, ob der vermeintliche Gegner geschwächt wurde.
Ich habe diese Verschiebung bereits im September 2025 beschrieben: weg von der materiellen Frage, hin zur politischen Deutung. In Frankreich lässt sich nun beobachten, wie beides wieder zusammenkommt. Der Lehrermangel und die hohen Lebenshaltungskosten liefern den Anlass. Die politische Erzählung bestimmt, wogegen sich der Protest am Ende richtet.
Das bedeutet nicht, dass jeder Demonstrant dieselben Absichten verfolgt. Es bedeutet auch nicht, dass jeder Teilnehmer für die Gewalt anderer verantwortlich ist. Aber wer politische Bündnisse verstehen will, muss danach fragen, welche Kräfte ihnen Richtung geben und welche Ziele sie verfolgen.
Hier liegt auch die Verbindung zu Raspails Roman. Ein gemeinsamer Gegner kann Menschen mobilisieren, ohne dass sie sich über die Zukunft verständigt haben. Das ist zunächst ein Mechanismus politischer Bündnisbildung. Brisant wird er dort, wo die Beteiligten nicht nur unterschiedliche Interessen verfolgen, sondern unvereinbare Vorstellungen von Freiheit, Recht und gesellschaftlicher Ordnung vertreten.
Die Geschichte liefert dafür ein weiteres Beispiel: die russische Revolution.
Die Bolschewiki waren keineswegs die einzige politische Kraft, die 1917 das Ende der alten Ordnung herbeiführte. Gemäßigte Sozialisten und andere politische Gruppen glaubten, die Revolution für ihre eigenen Ziele nutzen oder die Bolschewiki zumindest einhegen zu können. Doch nach der Machtübernahme schalteten die Bolschewiki ihre politischen Konkurrenten aus. Andere sozialistische Strömungen wurden unterdrückt, politische Gegner verfolgt und schließlich ein System errichtet, das unter Stalin in einen Terror mündete, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen.
Die historische Ironie reicht weit über Russland hinaus. Politische Kräfte, die gemeinsam eine Ordnung stürzen, können sich über deren Nachfolge vollkommen uneinig sein. Wer glaubt, einen entschlossenen revolutionären Partner für die eigenen Zwecke einspannen zu können, übersieht womöglich, dass dieser Partner längst eigene Vorstellungen davon hat, wer künftig herrschen und nach welchen Regeln die Gesellschaft leben soll.
Die Geschichte wiederholt sich, schrieb Marx, das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Die bekannte Formulierung stammt aus seinem Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte. Auf die heutige Kalifatslinke angewandt, liegt die Farce in einem bemerkenswerten Widerspruch: Ausgerechnet jene, die sich auf Marx berufen, glauben, den politischen Islam für ihre eigenen revolutionären Ziele mobilisieren zu können.
Die Tragödie bestand darin, dass politische Weggefährten der Bolschewiki ausgeschaltet wurden und sich die revolutionäre Herrschaft schließlich gegen große Teile der eigenen Bevölkerung richtete. Die Farce besteht darin, dass Teile der heutigen kommunistischen Linken offenbar glauben, aus der Geschichte nichts über die Grenzen ideologischer Bündnisse lernen zu müssen.
Die Kalifatslinke verbündet sich mit einer politischen Strömung, deren Gesellschaftsbild mit ihren eigenen Überzeugungen kaum vereinbar ist. Geschlechtergleichheit? Der politische Islam in seiner autoritären Ausprägung ordnet Frauen Männern unter. LGBTQIA+-Rechte? Homosexualität und geschlechtliche Selbstbestimmung geraten mit seinen religiösen Normvorstellungen in Konflikt. Kapitalismuskritik? Islamistische Bewegungen reichen von wirtschaftlich konservativen Kräften bis zu revolutionären Projekten. Eine klassenlose Gesellschaft ist jedoch nicht ihre gemeinsame politische Klammer. Veganismus? Tierschutz und Ernährungsvorschriften folgen unterschiedlichen religiösen und säkularen Begründungen. Naturschutz? Auch hier gibt es keine selbstverständliche gemeinsame politische Grundlage.
Diese Unterschiede sind keine Nebensächlichkeiten. Sie betreffen das Menschenbild, die Freiheit des Einzelnen und die Ordnung des Gemeinwesens. Wer sie für zweitrangig erklärt, weil sich beide Seiten gegen Israel, den Kapitalismus oder den Westen wenden, verwechselt politische Gegnerschaft mit politischer Gemeinsamkeit.
Und trotzdem marschieren Teile dieser Linken mit Islamisten gegen den Westen, gegen Israel und gegen die bestehende Ordnung. Sie halten die gemeinsame Gegnerschaft für eine politische Gemeinsamkeit. Sie glauben, den politischen Islam für ihre Ziele mobilisieren zu können, ohne dass dessen eigene Herrschaftsvorstellungen am Ende den Ausschlag geben.
Die Rollen haben sich verändert. Der Denkfehler ist geblieben: Wer den gemeinsamen Gegner für wichtiger hält als die unvereinbaren Ziele seiner Verbündeten, kann am Ende feststellen, dass er nicht derjenige war, der das Bündnis kontrollierte.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, wer wen im Bündnis für den nützlichen Idioten hält. Sie lautet, wer am Ende die Macht besitzt, darüber zu entscheiden.
Der Berliner Dammbruch
Am selben Samstag verständigten sich in Berlin SPD, Grüne und Linke auf Koalitionsverhandlungen.
Zwei Tage zuvor hatte die Neuköllner Linken-Abgeordnete Vanessa Emde in einem Video erklärt, es gebe kein Existenzrecht für Israel. Ihren Einzug in die Fraktion bezeichnete sie als „Geländegewinn gegen die Staatsräson“. Zugleich erhebt der Clan-Chef Issa Remmo öffentlich Vorwürfe gegen den Neuköllner Linken-Politiker Ferat Koçak. Koçak sei bei ihm im Büro gewesen, man habe über Sozialismus und Enteignungen gesprochen. Koçak bestreitet die Darstellung.
Das sind unterschiedliche Vorgänge. Man sollte sie nicht zu einer einzigen Geschichte zusammenrühren. Aber sie werfen eine politische Frage auf: Welche Positionen werden in einem Bündnis akzeptabel, wenn der Wunsch nach politischem Einfluss wichtiger wird als die Frage, mit wem man sich verbündet?
Die Berliner Linke ist nicht mit den Islamisten im Iran von 1979 gleichzusetzen. Und Koalitionsverhandlungen sind keine Revolution. Der Vergleich wäre absurd, wenn er behaupten sollte, Berlin stehe unmittelbar vor einer islamistischen Machtübernahme.
Aber er wird relevant, wenn es um den Mechanismus politischer Bündnisse geht: Wie weit sind Parteien bereit zu gehen, um Mehrheiten zu organisieren? Welche Positionen nehmen sie dafür hin? Und was geschieht, wenn sie sich an Kräfte binden, deren politische Ziele mit den eigenen Grundsätzen unvereinbar sind?
SPD und Grüne müssen diese Fragen beantworten. Wer mit einer Partei regieren will, übernimmt nicht automatisch jede ihrer Positionen. Aber er trägt Verantwortung dafür, welche Grenzen er zieht und welche er aus taktischen Gründen verwischt.
Der Dammbruch besteht nicht darin, dass jede Zusammenarbeit mit der Linken zwangsläufig in einer Katastrophe endet. Er besteht darin, politische Grenzen nicht mehr ernst zu nehmen, sobald sie dem eigenen Machtgewinn im Weg stehen.
Die Frage nach dem Tag danach
Der entscheidende Fehler solcher Bündnisse besteht darin, dass sie die Frage nach dem Tag danach nicht stellen wollen.
Solange der gemeinsame Gegner existiert, lässt sich die eigene Uneinigkeit überdecken. Was aber geschieht, wenn dieser Gegner besiegt ist? Wer bestimmt dann die Regeln? Wer setzt seine Vorstellungen durch? Und was passiert mit jenen, die sich dem neuen Machtanspruch widersetzen?
Die revolutionäre Linke hat auf diese Fragen traditionell eine Antwort: die klassenlose Gesellschaft. Marx und Engels beschrieben eine Zukunft, in der Menschen ihre Tätigkeiten frei wählen können, statt auf eine feste gesellschaftliche Rolle festgelegt zu sein.
Der politische Islam verfolgt ein anderes Gesellschaftsmodell. In seiner autoritären Ausprägung beansprucht er, das öffentliche Leben nach religiösen Regeln zu ordnen. Individuelle Freiheit, die Gleichberechtigung von Mann und Frau und die Trennung von Religion und Staat geraten dabei in Konflikt mit seinem Herrschaftsanspruch.
Beide Vorstellungen lassen sich nicht dadurch miteinander vereinbaren, dass ihre Anhänger gemeinsam gegen den Westen demonstrieren.
Solange es einen gemeinsamen Gegner gibt, lässt sich dieser Widerspruch verdrängen. Sobald es um die Ordnung danach geht, wird er zur Machtfrage. Dann entscheidet sich, welche Seite bereit und in der Lage ist, ihre Vorstellungen durchzusetzen.
Genau das geschah im Iran. Die Linke hatte den gemeinsamen Gegner für eine gemeinsame Sache gehalten. Sie unterstützte eine neue Ordnung, deren Machthaber sie später selbst verfolgten. Sie hatte den Tag danach nicht ausreichend bedacht.
Die Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Aber politische Muster können sich wiederholen, auch wenn die Akteure, die Länder und die konkreten Umstände andere sind. Wer das ignoriert, verwechselt historische Bildung mit einer Sammlung vergangener Ereignisse, die mit der Gegenwart nichts mehr zu tun hätten.
Wenn die Mitte schweigt
Was folgt daraus?
Die Antwort kann nicht darin bestehen, jede Demonstration zu verdächtigen oder jeden politischen Gegner zum Extremisten zu erklären. Sie muss darin bestehen, die tatsächlichen Probleme zu lösen und zugleich klare Grenzen zu ziehen.
Liefern. Wer bessere Schulen verspricht, muss Lehrer einstellen und marode Gebäude sanieren. Wer bezahlbare Lebenshaltungskosten fordert, muss politische Antworten geben. Wer die Menschen mit ihren Alltagssorgen allein lässt, überlässt anderen das Feld.
Durchgreifen. Wer Rathäuser anzündet, muss sich vor Gericht verantworten. Der politische Anlass darf weder als Entschuldigung noch als Rabatt dienen. Das gilt für alle, unabhängig davon, welchem politischen Lager sie angehören.
Benennen. Wer Gewalt organisiert, rechtfertigt oder deckt, muss sich der politischen und gegebenenfalls strafrechtlichen Verantwortung stellen. Ein Mandat ist kein Schutzschild gegen Kritik. Und ein Koalitionsvertrag ist kein Grund, die eigenen Grundsätze zu vergessen.
Diese drei Aufgaben gehören zusammen. Ein Staat, der Probleme nicht löst, verliert Vertrauen. Ein Staat, der Gewalt nicht konsequent verfolgt, verliert Autorität. Und eine politische Mitte, die nicht mehr ausspricht, welche Werte sie verteidigt, überlässt anderen die Deutung der Wirklichkeit.
Ich habe im August 2025 beschrieben, wie politische Ränder in das Vakuum wachsen, das eine verstummte Mitte hinterlässt. Die Gefahr besteht darin, dass jene, die ihre Ziele klar benennen und entschlossen verfolgen, den politischen Raum besetzen, während andere sich auf Warnungen und Abgrenzungsformeln beschränken.
Die Antwort darauf ist nicht, sich hinter immer neuen Warnungen zu verschanzen. Sie besteht darin, die Probleme zu lösen, die den Protest überhaupt erst möglich machen, und gleichzeitig klar auszusprechen, wo die Grenzen des politisch Akzeptablen verlaufen.
Was die Linke zu verlieren hat
Links und bürgerlich schließen einander nicht aus. Habe ich einmal blauäugig behauptet. Ich lag falsch.
Die klassische Linke hat für Bürgerrechte gestritten, soziale Aufstiegsmöglichkeiten erkämpft und an der Entwicklung des demokratischen Rechtsstaats mitgewirkt. Diese Tradition ist nicht wertlos, nur weil sich Teile der heutigen Linken von ihr entfernt haben.
Aber sie verpflichtet zu einer Entscheidung.
Eine Linke, die soziale Anliegen vertritt, muss sich nicht mit dem politischen Islam verbünden. Sie muss sich nicht hinter Palästinenserfahnen versammeln, um gegen hohe Lebenshaltungskosten zu protestieren. Und sie muss nicht schweigen, wenn ihre Bündnispartner antisemitische Positionen vertreten oder die freiheitliche Ordnung ablehnen.
Im Gegenteil: Gerade wer sich auf die Tradition der Emanzipation beruft, muss erklären, wie sich diese mit politischen Bewegungen vereinbaren lässt, die individuelle Freiheit einschränken und Menschen nach religiösen oder ideologischen Regeln ordnen wollen.
Das ist keine Frage taktischer Klugheit. Es ist eine Frage politischer Glaubwürdigkeit.
Wer jede Zusammenarbeit mit dem Hinweis rechtfertigt, man kämpfe schließlich gegen denselben Gegner, macht sich von diesem Gegner abhängig. Er überlässt die eigenen Maßstäbe der Tagespolitik. Und er riskiert, am Ende eine Ordnung zu unterstützen, in der für die eigenen Überzeugungen kein Platz mehr ist.
Für SPD und Grüne gilt deshalb dasselbe wie für die Linke: Eine Mehrheit ist noch kein politischer Erfolg. Entscheidend ist, wofür sie eingesetzt wird und welche Grenzen diejenigen ziehen, die sie ermöglichen.
Die Fahnen liegen bereit
Ein brennendes Rathaus ist kein Argument gegen Einwanderung. Es ist auch kein Beweis dafür, dass jeder linke Protest in Gewalt enden muss. Wer aus einzelnen Ereignissen pauschale Urteile über ganze Bevölkerungsgruppen ableitet, macht es sich zu einfach.
Aber genauso einfach wäre es, die politischen Zusammenhänge zu ignorieren, nur weil ihre Beschreibung unbequem ist.
Wenn unterschiedliche Gruppen unter gemeinsamen Fahnen marschieren, muss man fragen, was sie verbindet. Wenn Parteien politische Bündnisse eingehen, muss man fragen, welche Überzeugungen sie dafür aufgeben. Und wenn ein gemeinsamer Gegner zum wichtigsten Bindeglied wird, muss man fragen, wer nach dessen Niederlage die Regeln bestimmt.
Teheran 1979 gibt darauf eine historische Antwort. Nicht, weil Berlin oder Frankreich zwangsläufig denselben Weg gehen. Sondern weil es zeigt, was geschehen kann, wenn politische Kräfte ihre Unterschiede verdrängen, solange sie gemeinsam gegen etwas kämpfen.
In Limoges ist ein Rathaus ausgebrannt. In Berlin haben Parteien eine politische Zusammenarbeit beschlossen, deren Folgen sich erst noch zeigen müssen. Das eine ist kein Beweis für das andere. Aber beides erinnert an eine Frage, die in der Politik allzu oft verdrängt wird: Was bleibt übrig, wenn der gemeinsame Gegner verschwindet?
Raspails Roman liefert dafür ein verstörendes Bild: Eine historische Kirche, die für eine Gesellschaft über Jahrhunderte Bedeutung hatte, wird für Menschen, die mit dieser Tradition nichts anfangen können, irgendwann nur noch zu einer brauchbaren Quelle für Feuerholz. Das Bild ist rassistisch aufgeladen und als Beschreibung realer Menschen nicht zu übernehmen. Als Frage an politische Bündnisse bleibt sein Kern jedoch bestehen: Was geschieht mit einer Ordnung, deren Wert ihre Verteidiger voraussetzen, deren Bedeutung ihre politischen Gegner aber gar nicht teilen?
Wer sich mit anderen gegen die bestehende Ordnung verbündet, sollte deshalb nicht nur deren gemeinsame Parolen betrachten. Er muss auch wissen, welche Institutionen, Rechte und Freiheiten seine Bündnispartner erhalten wollen und welche sie beseitigen möchten.
Die Fahnen liegen bereit. Entscheidend ist, ob diejenigen, die sich unter ihnen versammeln, überhaupt dieselbe Vorstellung davon haben, was danach noch stehen soll.
Denn wer eine politische Bewegung nur danach beurteilt, gegen wen sie kämpft, erfährt möglicherweise erst zu spät, wofür sie selbst steht.
Und dann ist es zu spät, um sich darüber zu verständigen, was gerettet werden sollte.